Zukunft braucht Höfe
Über Ausbeutung und Selbstausbeutung in der bäuerlichen Landwirtschaft
Von Gerhard Klas, Mai 2026
Es gibt Organisationen, deren Gründungsimpuls bis heute fortwirkt. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) mit ihren rund 3.000 Mitgliedern ist eine davon. Sie entstand 1980 aus Protest gegen den Deutschen Bauernverband (DBV) und versteht sich bis heute als politische Interessenvertretung für kleine und mittlere Betriebe – und als Stimme, die grundlegende Fragen an das Agrarsystem stellt.
Ein Grund für ihre anhaltende Relevanz sind Personen wie Xenia Brand. Sie ist Geschäftsführerin der AbL und kam über einen klassischen Weg in die Organisation: Agrarwissenschaftsstudium in Witzenhausen, Engagement bei der jungen AbL, anschließend Tätigkeit als Mitarbeiterin und schließlich Geschäftsführerin. Ihr Werdegang steht exemplarisch für das Ziel des Verbands, junge Menschen für die Landwirtschaft zu gewinnen.
'Bäuerlich' ist vor allem ein qualitativer Begriff. Dazu gehören eigenständiges Wirtschaften, möglichst große Unabhängigkeit, regionale Verwurzelung und Verantwortung für das Tierwohl.
Zur Zeit der Gründung der AbL war Brand noch nicht geboren. Sie gehört zu einer Generation, die die damaligen Konflikte nur aus Erzählungen kennt – und doch sind viele Streitpunkte bis heute aktuell. Der DBV sei nach wie vor zu stark auf Großbetriebe sowie auf vor- und nachgelagerte Unternehmen ausgerichtet und vertrete die Interessen kleinerer Betriebe unzureichend, sagt Brand. "Unser Ziel ist der Erhalt vieler und vielfältiger Betriebe – und dieses Ziel sehe ich beim Bauernverband nicht."
Was "bäuerlich" bedeutet, lässt sich für Brand nicht an Betriebsgrößen festmachen. Die Agrarstruktur in Deutschland sei zu unterschiedlich für einfache Schwellenwerte: Was in Bayern als Großbetrieb gilt, kann in Mecklenburg-Vorpommern – geprägt durch die ehemaligen LPG-Strukturen – als klein erscheinen.
"Für mich ist 'bäuerlich' vor allem ein qualitativer Begriff", sagt Brand. Gemeint seien eigenständiges Wirtschaften, möglichst große Unabhängigkeit, regionale Verwurzelung und Verantwortung für das Tierwohl.
Der Hof – ein 365-Tage-Betrieb
Rund 900.000 Menschen arbeiten in Deutschland in der Landwirtschaft – von Betriebsleitenden bis zu Saisonarbeitskräften. Der Arbeitsalltag ist geprägt von langen Arbeitszeiten, fehlender Trennung zwischen Beruf und Privatleben sowie struktureller Überlastung.
Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Krankheitsausfälle. In einigen EU-Staaten liegt die Suizidrate unter Landwirten deutlich über dem nationalen Durchschnitt. Auch gesundheitliche Risiken durch Pflanzenschutzmittel sind gut dokumentiert: Bestimmte Wirkstoffe stehen im Verdacht, Krebs oder Parkinson zu begünstigen. Durch Pestizide verursachtes Parkinson wird seit 2023 wie eine Berufskrankheit behandelt, ist jedoch bislang nicht offiziell in die entsprechende Liste aufgenommen worden.
Xenia Brand, AbL-Geschäftsführerin | Foto: AbL/Kontrastfoto
Brand beschreibt den Alltag nüchtern: "Wer Milchkühe hält und keine Melkroboter einsetzt, beginnt früh am Morgen – an 365 Tagen im Jahr." Hinzu kommt die enge Verzahnung von Arbeit und Privatleben in Familienbetrieben. "Es gibt nicht den Moment, in dem man einfach abschalten kann. Wenn eine Kuh nachts kalbt, muss jemand da sein.“
In arbeitsintensiven Phasen, etwa zwischen Aussaat und Ernte, lassen sich gesetzliche Arbeitszeitgrenzen oft kaum einhalten. Für Betriebsleitende gilt die 48-Stunden-Woche faktisch nicht. Angestellte Landarbeiterinnen und Landarbeiter unterliegen ihr zumindest formal – auch wenn sie in der Praxis häufig überschritten wird.
Die Identifikation mit dem Betrieb ist hoch. "Dieses Wir-Gefühl kann positiv sein", sagt Brand, "führt aber auch dazu, dass Probleme seltener offen angesprochen werden." Gewerkschaftliche Organisation spielt in der Landwirtschaft bislang eine geringe Rolle: Weniger als zehn Prozent der Beschäftigten sind organisiert. Lediglich 50.000 Mitglieder der Industriegewerkschaft Bau-Agrar-Umwelt (IG BAU) arbeiten in der Landwirtschaft.
Ein strukturelles Problem ist die Selbstausbeutung in vielen Betrieben. Häufig verdienen Betriebsleitende weniger als ihre Angestellten – nicht aus Großzügigkeit, sondern aufgrund knapper Margen. "Gute Arbeitsbedingungen hängen auch vom Einkommen der Betriebe ab", so Brand. Entsprechend kritisiert die AbL den Preisdruck durch große Handelsketten. Sie fordert unter anderem faire Erzeugerpreise und ein Verbot von Verkäufen unterhalb der Produktionskosten.
Ohne Saisonarbeitskräfte keine Ernte
Jedes Jahr, wenn der Spargel aus dem Boden bricht und die Erdbeeren rot werden, reisen sie zur Ernte an: fast eine Viertel Million Menschen – überwiegend aus Rumänien, Polen, Bulgarien und Kroatien. Ohne sie kämen Gemüse und Obst nicht auf den Tisch.
Der Saisonbericht 2025 der IG BAU und der Initiative Faire Landarbeit zeichnet ein erschreckendes Bild für die Saisonarbeit: Arbeitstage von bis zu 16 Stunden, Wochenarbeitszeiten von über 70 Stunden, systematisch ignorierte Ruhezeiten. Bei Unterkünften teilen sich bis zu 14 Menschen ein Zimmer.
Saisonarbeitskräfte müssen den gleichen Mindestlohn erhalten wie alle anderen Beschäftigten.
Die Mieten steigen Jahr für Jahr – ein verbreiteter Trick besteht darin, die Unterkunft in eine separate Immobiliengesellschaft auszulagern, sodass die Mietkosten nicht als direkter Lohnabzug erscheinen, faktisch aber zu erheblichen Einkommenseinbußen führen. Vom gesetzlichen Mindestlohn bleibt dann kaum noch etwas übrig.
Anfang 2025 forderte der Deutsche Bauernverband eine Ausnahmeregelung beim Mindestlohn für Saisonarbeit. Die Arbeitgeberverbände haben sich der Forderung angeschlossen. Die IG BAU läuft dagegen Sturm und kritisiert eine mögliche Ausnahmeregelung als verfassungsrechtlich problematisch. Auch Brand lehnt sie klar ab: "Saisonarbeitskräfte müssen den gleichen Mindestlohn erhalten wie alle anderen Beschäftigten."
In der Praxis wird der Mindestlohn häufig durch hohe Akkordvorgaben unterlaufen. Leistungsentlohnung ist in der Landwirtschaft verbreitet. Steigen die Vorgaben zu stark, wird es schwierig, den Mindestlohn tatsächlich zu erreichen. Bei der Spargelernte beispielsweise stiegen die Vorgaben 2025 von 11 auf bis zu 14 Kilogramm pro Stunde.
Die Initiative Faire Landarbeit sammelt seit April auf Weact, einer Plattform der Kampagnen-Organisation Campact, Unterschriften für ein "Nein zum Mindestlohn zweiter Klasse!". Die Bundesregierung müsse sich klar positionieren, es dürfe keine Ausnahmen vom gesetzlichen Mindestlohn für Saisonbeschäftigte in der Landwirtschaft geben, so die Initiative. "Eine Mindestlohnausnahme wäre eine unmittelbare Diskriminierung dieser Gruppe von Beschäftigten, die bereits jetzt systematisch sozial und wirtschaftlich benachteiligt wird."
Betriebe weiterhin in Männerhand
Frauen spielen eine zentrale Rolle in der Landwirtschaft – als Betriebsleiterinnen, Familienangehörige, Angestellte oder Saisonarbeitskräfte. Dennoch werden rund 90 Prozent der Betriebe von Männern geführt. Viele Leistungen von Frauen bleiben unsichtbar und sind rechtlich unzureichend abgesichert.
Eine gemeinsame Erklärung der AbL und weiterer Organisationen mit dem Titel "Nicht nur ackern, auch entscheiden" formuliert daher zentrale Handlungsfelder: Förderung von Frauen in Führungsrollen, bessere soziale Absicherung, gerechtere Verteilung von Sorgearbeit und stärkere politische Repräsentation.
Bemerkenswert ist, dass das Papier ausdrücklich auch die Perspektive von Arbeitnehmerinnen und Saisonarbeitskräften einbezieht. "Die Situation der Beschäftigten ist entscheidend für die Zukunft der Landwirtschaft", betont Brand.
Engagement gegen Rechtsruck
Der Rechtsruck in der Gesellschaft macht vor dem ländlichen Raum nicht halt – im Gegenteil. Wer sich dort gegen Rechtsextremismus engagiert, tut das oft unter deutlich größerem sozialen Druck als in urbanen Räumen.
"Der Rechtsruck beschäftigt viele unserer Mitglieder", sagt Brand. Im Alltag entstehen Konflikte – etwa, wenn man mit dem AfD-nahen Landmaschinenhändler keine Geschäfte machen will, er aber der Einzige ist, der den Trecker reparieren kann. "An der Basis im Gespräch zu bleiben, ist wichtig, um etwas gegen die Spaltung der Gesellschaft zu tun", gibt Brand auch zu bedenken.
Die AbL verfolgt eine klare Linie: keine Zusammenarbeit mit AfD-Funktionären. In ihrer Satzung ist verankert, dass die Arbeitsgemeinschaft für Menschenrechte und gegen Fremdenhass eintritt. Die AbL rief deshalb auch zur Teilnahme an Demonstrationen gegen die Remigrationspläne aus dem AfD-Umfeld auf. Dieses Engagement habe einzelne Mitglieder zum Austritt veranlasst. Aber das nehme die AbL in Kauf, so Brand.
An der Basis im Gespräch zu bleiben, ist wichtig, um etwas gegen die Spaltung der Gesellschaft zu tun.
Zur Bundestagswahl 2024 wandten sich junge Mitglieder der AbL gemeinsam mit anderen Jugendverbänden in persönlichen Schreiben an Landwirte in Sachsen und Thüringen. Die Botschaft war deutlich: Eine Zukunft für den ländlichen Raum sei nicht mit rechtsextremen Positionen vereinbar. Einzelnen engagierten Mitgliedern wurde auch schon massiv gedroht, und in mindestens einem Fall vermutet die AbL eine Brandstiftung.
Das Konzept: Ernährungssouveränität
Ein Gegenmittel zu Nationalismus und Abschottung ist internationale Vernetzung: Die AbL ist Teil des internationalen Netzwerks La Vía Campesina, einer der weltweit größten sozialen Bewegungen. Sie setzt sich für die Belange von Kleinbäuer:innen und Landarbeiter:innen ein. Im Zentrum steht das Konzept der Ernährungssouveränität.
"Es geht nicht nur darum, ausreichend Nahrung zu produzieren", erklärt Brand, "sondern auch darum, welche Lebensmittel hergestellt werden und unter welchen Bedingungen." Ziel sei eine stärkere regionale Selbstbestimmung innerhalb eines fair geregelten Welthandels. Ernährungssouveränität stelle die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren, ins Zentrum der Nahrungsmittelsysteme, nicht die Interessen der Märkte und transnationalen Konzerne.
Die Ernährungssouveränität bietet eine Idee, die die Menschheit eint und uns in den Dienst von Mutter Erde stellt, die uns ernährt und trägt.
Was La Vía Campesina für Brand bedeutet, geht über reine Agrarpolitik hinaus. "Bei aller Unterschiedlichkeit, die natürlich in den verschiedenen Regionen dieser Welt existiert, haben wir in unserem Berufsstand doch viele Gemeinsamkeiten. Wie begegnen wir der Klimakrise und Preisabhängigkeiten? Wie wehren wir uns gegen die Spekulation mit Agrarland und Landraub?"
La Vía Campesina drückt es so aus: "Vor uns liegt ein Weg mit vielen Hindernissen. Die Verteidiger:innen der kapitalistischen Weltordnung (…) bevorzugen eine Welt der Monokulturen und Einheitsgeschmäcker, wo Lebensmittel in Massen produziert werden können, und sie billige Arbeitskräfte in entfernten Fabriken benutzen, ohne Rücksicht auf die ökologischen, menschlichen und sozialen Folgen." Die Ernährungssouveränität dagegen biete eine Idee, "die die Menschheit eint und uns in den Dienst von Mutter Erde stellt, die uns ernährt und trägt."
Website der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft
Initiative Faire Landarbeit: Saisonarbeitsberichte
Petition unterschreiben: "Keine Mindestlohn-Ausnahmen für Saisonarbeiter*innen!"
La Vía Campesina: Ernährungssouveränität, ein Vorschlag für die Zukunft des Planeten
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